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Zahnfüllung: Wie schädlich ist Amalgam?

Die EU will den Einsatz von Amalgam reduzieren. Ist die Füllung etwa doch bedenklicher, als zuletzt vermutet? Tatsächlich geht es um andere Gründe
von Barbara Kandler-Schmitt, 16.05.2017

Noch immer der beste Grund zum Lachen: Ein gesundes Gebiss ohne Füllungen

Westend61 GmbH/Jo Kirchherr

Diese Nachricht war Wasser auf die Mühlen der Amalgam-Gegner: In der EU dürfen Zahnärzte ab Juli 2018 bei Kindern, Schwangeren und stillenden Müttern nur noch in Ausnahmefällen Amalgamfüllungen einsetzen. Im Jahr 2020 soll geprüft werden, ob ab 2030 vollständig darauf verzichtet werden kann. Vorbeugend und aus Umweltschutzgründen – nicht wegen tatsächlich festgestellter gesundheitlicher Risiken.

Trotzdem schürten daraufhin Schlagzeilen wie "Amalgam: Die Gefahr im Mund" einmal mehr die allgemeine Verunsicherung. "Die Telefone in unserer Beratungsstelle standen nicht mehr still", erzählt Professor Franz-Xaver Reichl, Dentaltoxikologe an der Zahnklinik der Universität München.

Jahrzehntelange Auseinandersetzung

Seit fast 30 Jahren untersucht der Wissenschaftler die Nebenwirkungen von Zahnmaterialien. Er kommt zu dem Schluss: "Kein einziger Amalgamträger wurde je durch seine Zahnfüllungen vergiftet." Der Streit um mögliche gesundheitsschädliche Wirkungen währt seit Jahrzehnten.

Stein des Anstoßes: Neben Silber, Zinn und Kupfer besteht das Metallgemenge für kaputte Zähne etwa zur Hälfte aus potentiell giftigem Quecksilber. Doch wurde es ständig weiterentwickelt. Reichl: "Die heute verwendeten Amalgame setzen so gut wie kein Quecksilber mehr frei."

Praktisch, aber nicht ästhetisch

Als Zahnwerkstoff hat das Material eine Reihe von Vorteilen. Es wirkt antibakteriell und verhindert, dass sich Karies ausbreitet. Ähnlich wie Goldfüllungen hält es zudem oft bis zu 30 Jahre. Und da Amalgam von den gesetzlichen Kassen in der Regel bezahlt wird, fallen für die Patienten keine Kosten an.

"Dass der Werkstoff zunehmend an Bedeutung verliert, hat vor allem mit der unbefriedigenden Ästhetik zu tun", sagt Privatdozent Dr. Johannes Ebert von der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der Universität Erlangen. Nur noch 10 bis 15 Prozent aller in Deutschland neu gelegten Füllungen bestehen aus Amalgam – das im Gegensatz zu Kunststoff und Keramik nicht zahnfarben ist und daher für den Sichtbereich nicht infrage kommt.

Wer schön sein will, muss zahlen

Auch Professor Wolfgang Buchalla, Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie am Uniklinikum Regensburg, hat schon lange keine Amalgamfüllung mehr gelegt: "Wir sind heute in der angenehmen Lage, für jeden das am besten geeignete Material auswählen zu können."

Allerdings müssen die Patienten für Kunststoff, Keramik und Gold aufgrund des deutlich höheren Aufwands für die Herstellung einiges zuzahlen. Weltweit ist Amalgam nach wie vor das am meisten genutzte Zahnfüllungsmaterial. In Deutschland besteht noch fast jede zweite Füllung daraus, nicht zuletzt wegen der langen Haltbarkeit.

Experte raten davon ab, Amalgam zu entfernen

Daher spukt die mögliche Gefahr noch immer durch die Medien und die Köpfe – und damit auch die Frage, ob alte Füllungen vorsorglich entfernt werden sollten.

Toxikologe Reichl spricht sich klar dagegen aus: "Intakte Amalgamfüllungen zu entfernen wäre ein zahnmedizinischer Kunstfehler." Durch Füllungen nehmen wir sehr wenig Quecksilber in den Körper auf, weniger zum Beispiel als mit der Nahrung. Die Menge liege weit unter den gesundheitsgefährdenden Grenzwerten, betont Reichl. Nur wenn eine Füllung aufgebohrt werde, könne Quecksilber in geringen Mengen freigesetzt werden.

Studien konnten keine Gesundheitsschäden durch Amalgam nachweisen

Kein anderes Zahnmaterial ist wissenschaftlich so gründlich untersucht wie Amalgam. Immer wieder hatten Gegner der silbrigen Füllungen versucht, in Studien Zusammenhänge zwischen dem Material und allen möglichen Gesundheitsschäden zu belegen. Rückenschmerzen, Erschöpfung, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme – kaum ein unklares Beschwerdebild, das noch nicht damit in Zusammenhang gebracht worden wäre. "Nichts davon hat sich wissenschaftlich bestätigt", sagt Buchalla. "Würde der Werkstoff ganz verboten, würde uns Zahnärzten  eine wertvolle Behandlungsoption genommen."

Dass nun aktuell die Anwendung für Kinder und Schwangere eingeschränkt worden sei, diene lediglich dem vorsorglichen Gesundheitsschutz dieser Patientengruppen. "Auch im Sinne der Umwelt kann eine Einschränkung sinnvoll sein", so Buchalla. Das giftige Material belastet die Natur und muss als Sondermüll entsorgt werden.

Amalgamentfernung als Placebo?

Warum aber sind nach wie vor so viele Menschen davon überzeugt, dass Amalgamfüllungen ihrer Gesundheit schaden? "Das ist offenbar eine Frage der Weltanschauung", schließt Ebert aus vielen Patientengesprächen. Menschen, die sich durch ihre Amalgamfüllungen beeinträchtigt fühlen, leiden zudem überproportional häufig an Depressionen oder Angststörungen. "Da diese Erkrankungen immer noch stigmatisiert werden, schieben die Betroffenen ihre Beschwerden gerne auf das Amalgam."

Beseitigt man die Füllungen bei den Patienten, lassen deren Beschwerden tatsächlich häufig nach – allerdings nur vorübergehend. "Die Amalgam-Entfernung wirkt wie ein gutes Placebo", sagt Ebert. "Aber nach einiger Zeit treten die Symptome erneut auf – und dann findet sich in der Regel ein anderer Grund, um die gesundheitlichen Probleme zu erklären."

Eine Studie im Fachblatt Journal of Dental Research bestätigt: Bei Patienten, die statt einer Amalgamentfernung ein Gesundheitstraining absovierten, gingen die unspezifischen Beschwerden ebenso stark zurück wie nach einer Amalgam-Entfernung mit oder ohne sogenannte Quecksilberausleitung.

Quatsch mit Quecksilber

Von dieser bisweilen auch von Zahnärzten propagierten Strategie, das Quecksilber medikamentös aus dem Körper zu entfernen, rät Toxikologe Reichl entschieden ab: "Dabei werden auch alle lebenswichtigen Spurenelemente mit ausgeleitet, die dann exakt in der gleichen Konzentration wieder zugeführt werden müssen." Das sei aber nicht machbar, und bei Patienten komme es im Anschluss oft zu Stoffwechselstörungen mit schweren Krankheitsbildern.

Nur bei einer Allergie gegen Quecksilber, die jedoch selten auftrete, mache eine Beseitigung der Füllungen Sinn. Reichl: "Bei entsprechenden entzündlichen Reaktionen im Mund sollte Amalgam herausgenommen und durch ein anderes Material ersetzt werden." Jedoch seien Allergien gegen Kunststofffüllungen häufiger.

Höheres Allergierisiko bei Kunststoffüllungen

Innerhalb von zehn Jahren haben sie bei zahnärzlichem Personal stark zugenommen. Und fast jeder 30. Patient verträgt die aus dem Kunststoff freigesetzten Methacrylate nicht. Deshalb wird derzeit diskutiert, bei Schwangeren auch keine Kunststofffüllungen mehr zu legen, da die gesundheitlichen Konsequenzen noch nicht eindeutig erforscht sind. Andere Materialien bieten hier aber keinen nennenswerten Vorteil. Die für Keramik- und Goldfüllungen benötigten Klebstoffe enthalten ebenfalls allergisierende Methacrylate.

Rote Flecken im Gesicht und eine entzündete Mundschleimhaut stellen einen Hinweis dar. "Wer bereits mehrere Allergien hat und zum Beispiel auf Heftpflaster reagiert, trägt ein höheres Risiko, auch Zahnmaterialien nicht zu vertragen", erklärt Reichl. In aufwendigen Versuchsreihen analysierte er, welche Materialien welche Substanzen freisetzen.

Vermutete Allergien beim Spezialisten testen lassen

So entstanden an der Münchner Universitäts-Zahnklinik die weltweit einzige Datenbank zu diesem Thema sowie ein internationales Beratungszentrum für Betroffene. Den Verdacht auf eine Allergie kann lediglich ein Test bei einem Spezialisten bestätigen. Das Ergebnis ist ausschlaggebend dafür, ob die Füllung entfernt werden muss und welches Material dann eingesetzt werden kann.

Das Beste, was Patienten für ihr Gebiss tun können, bleiben aber eine
gründliche Zahnhygiene und eine gesunde Ernährung. Experte Buchalla: "Die beste Zahnfüllung ist überhaupt keine."

Tipps zur Vorbeugung: Gute Zahnpflege schützt vor Karies

Zahnpflege: Heute haben acht von zehn Kindern keine Karies. Die Zahl der kariesfreien Gebisse verdoppelte sich seit 1997. "Das ist vor allem der regelmäßigen Verwendung fluoridhaltiger Zahnpasten und veränderter Ernährung zu verdanken", sagt Buchalla. Also mindestens zweimal täglich die Zähne putzen.

Ernährung: Der Experte empfiehlt, auf zuckerarme Lebensmittel zu achten. "Der Zahnbelag von Zuckeressern enthält aggressivere und mehr Karies verursachende Bakterien."




Bildnachweis: Westend61 GmbH/Jo Kirchherr

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